Das Lied zur Totengedenkfeier in Heimerdingen  "Der gute Kamerad"

Totengedenkfeier am 26.11.2006 in Heimerdingen

Ansprache des Ortsvorstehers Fritz Hämmerle

 

Radikale Umkehr vom Krieg zum Frieden

 

Alljährlich finden wir uns am Totensonntag hier zusammen, um unserer Toten zu gedenken und unserer Trauer Ausdruck zu verleihen.

 

Wir gedenken der Opfer von Gewalt und Krieg

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben

Wir gedenken derer, die wegen ihrer Volkszugehörigkeit oder ihrer Rasse verfolgt und getötet wurden

Wir gedenken derer, die im Widerstand gegen Gewaltherrschaft ihr Leben ließen

Wir trauern um die Opfer der Kriege unserer Tage

und

Wir trauern mit den Müttern und mit all denen, die Leid tragen, um die Toten

 

Und was folgt aus unserem Gedenken und aus unserer Trauer? Wir müssen feststellen – nichts. Nichts dazu gelernt. Die Welt ist wie eh und je mit Krieg und Gewalt überzogen. Die apokalyptische Spirale von Gewalt und Gegengewalt dreht sich immer schneller. Am Beispiel des Nahen und Mittleren Ostens, das für viele andere steht, wird es uns täglich per Satellit in unsere Wohnstuben getragen: Auf die Zerstörung von hunderten von Wohnhäusern in Flüchtlingslagern, folgen Selbstmordanschläge auf Schulbusse. Wahllos abgeschossene Raketen auf Zivilisten werden mit Bombardements auf Wohnhäuser der Gegenseite beantwortet. <Ich ermorde Deine Frauen und Kinder, weil Du meine Frauen und Kinder umgebracht hast.> Da rede noch einer vom Menschen, als einem intelligenten Wesen.

 

Und was kommt noch auf uns zu? Die israelische Seite hat schon Atombomben, die arabisch-islamische arbeitet emsig daran. Wer drückt zuerst auf den Knopf, bevor man es endgültig nicht mehr kann, weil der andere schneller war?

 

Die Hybris der Gewalt potenziert sich. Wer schießt schneller, wer schlägt härter und vor allem wer schlägt zuerst zu. In Kabul, in Bagdad, im Kosovo, in Basra, im Libanon, in Manhatten, in Madrid und London, im Kongo, in Tel Aviv, in Dafur, in unseren Passagierflugzeugen und in den Computer-Gewalt- und Killerspielen in unseren Kinderzimmern hier in Heimerdingen. Oder in den Schulen in Erfurt und Emsdetten. Wer nicht als erster den Finger am Abzug krümmt, hat verloren. „Und raus bist du“. Dann gedenken wir seiner und trauern am Totensonntag um ihn.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Hass erzeugt Gegenhass. Krieg löst Kriege aus, nicht Frieden. Vergeltung für Selbstmordattentate erzeugt Selbstmordattentäter. Eine ganz einfache Formel mit keiner Unbekannten. Das lernt man in der ersten Klasse Grundschule. Aber wir haben nichts dazu gelernt.

 

Wir wollen es nun nicht auf die Regierenden schieben. 70% der Israelis finden das Vorgehen ihrer Regierung gegenüber den Arabern noch als viel zu lasch. Und die große Mehrheit der Palästinenser wählen Parteien, die den terroristischen Hass gegen Israel propagieren, ja verherrlichen. Aber ich möchte auch nicht sehen, was eine Volksabstimmung in unserem Land zur Todesstrafe oder zur Prügelstrafe für Kinder ergeben würde.

 

Eine radikale Umkehr ist notwendig. Die Gewaltspirale muss unterbrochen, muss zerbrochen, muss zertrümmert werden. Radikal. Wir müssen auf die Frage „wollt ihr den totalen Frieden?“ frenetisch mit „ja“ antworten. Ein bisschen Frieden gibt es nicht. Das sehen wir alle Tage. Der große Universalrevolutionär Jesus von Nazareth sagte es schon vor zwei Jahrtausenden: „… halte die andere Backe hin“. Eine fast unmenschliche Forderung. Aber nur so geht es. Keine Gewalt gegen niemand, wenn Sie mir diesen sprachlichen Lapsus erlauben.

 

Und es geht sehr gut. Keine Gewalt in der UDSSR, sondern Gorbatschows Glasnost und Perestroika brachten Frieden und Freiheit. Keine Gewalt in Leipzig, in Dresden und in Ostberlin in der bis dahin überaus gewalttätigen DDR. Eine Revolution bei der kein Schuss fiel. Und die so viel Bewegung, Befreiung, Veränderung und Frieden brachte, wie es ein Krieg nie erreicht hätte. Mahatma Gandhi befreite in Indien sein Volk von der Gewaltherrschaft - ohne Gewalt - und gab ihm dadurch eine Chance für die Zukunft.

 

Wir alle müssen uns überwinden, eine Kehrtwende einleiten um 180 Grad, auf dem Absatz kehrt – hier passt der militärische Befehl. Weg von der Gewalt hin zum Frieden, ohne wenn und aber. Nur so geht es. Und wir wissen alle, dass es geht. Frieden kann man nur durch Frieden erreichen.

 

Ein Rabbi sagte einmal: Die große Schuld des Menschen ist es, dass er jederzeit umkehren kann und es nicht tut.

Wir versündigen uns, wenn wir den Krieg als eine unabänderliche Realität resignierend und widerstandslos akzeptieren.

Und wir machen uns schuldig, wenn wir den Frieden als eine unerreichbare Utopie zynisch abtun.

Nur die Realität gewordene Utopie der Gewaltlosigkeit bringt Frieden. Und es geht, es gelingt, wenn wir nur endlich umkehren.

Lassen Sie mich schließen mit einem Gedicht von Peter Härtling, dessen utopischen Wünsche nur allzu gerne meine Realität wären:

 

            Wenn jeder eine Blume pflanzte,

            jeder Mensch auf dieser Welt,

            und, anstatt zu schießen, tanzte

            und mit Lächeln zahlte statt mit Geld –

            wenn ein jeder einen anderen wärmte,

            keiner mehr von seiner Stärke schwärmte,

            keiner mehr den andern schlüge,

            keiner sich verstrickte in der Lüge,

            wenn die Alten wie die die Kinder würden,

            sie sich teilten in den Bürden,

            wenn dies WENN sich leben ließ,

            wär`s noch lang kein Paradies –

            bloß die Menschenzeit hätt` angefangen,

            die in Streit und Krieg uns beinah ist vergangen.

 

Herzlichen Dank für Ihre Teilnahme an dieser Feierstunde. Sie zeigten damit ihre  Verbundenheit mit den Toten und mit den Hinterbliebenen und setzten damit ein Zeichen für den Frieden und gegen die Gewalt. Das ist unsere einzige Zukunftschance.