Editorial Dach + Grün 2/95

 

Evolution oder Restauration?

 

Der griechische Philosoph Heraklit, 500 v. Christi, prägte den Satz „panta rhei – alles fließt“. Eine Binsenweisheit, besonderes für jeden der täglich mit der Natur zu tun hat, der
das jahreszeitliche Wechselspiel, das Werden und Vergehen in der Natur kennt.
Eine Binsenweisheit? Die gesellschaftliche und insbesondere politische Wirklichkeit sieht anders aus. Die Umwelt wird von vielen Gruppierungen statisch betrachtet. Soll ein Baum gefällt werden, treten kämpferische Typen auf“ ... nur über meine Leiche“. Tatsache aber ist, daß das Leben eines Baumes endlich ist.

 

Die statischen Ökologen verlangen: keinen Meter Straße mehr, kein weiterer Landschaftsverbrauch. Schluß – aus. Zurück ins Zeitalter der Postkutsche. Reaktion bis zur Restauration. Den Lauf der Geschichte, der gesellschaftlichen Entwicklung und der Natur aufhalten – besser noch zurückdrehen! Ökologische Maschinenstürmerei!

 

Niemand hält natürlich Abläufe auf! In der Öko-Politik muß ein dynamisches Denken einziehen. Wenn ein Baum gefällt wird, dann muß ein neuer – besser zwei neue – gepflanzt werden. Ökologische Defizite durch Landschaftsverbrauch müssen durch geeignete Maßnahmen ausgeglichen werden. Qualitativer, nicht in jedem Fall identischer, Ausgleich ist nötig. Entwicklungen muß man gestalten, wenn man sie nicht aufhalten kann. Evolution ist unsere einzige Chance.

 

Verantwortlich geplante Baugebiete können nach ihrer Realisierung eine höhere ökologische Wertigkeit aufweisen, als die vorher bestehende freie Landschaft. Streuobstwiesen können nicht durch Konservierung erhalten werden, sondern durch Schaffung neuer wirtschaftlicher Anreize. Ein sterbender Baum wünscht keine Tränen, sondern zahlreiche Nachkommen. Wer sich ernsthaft um die Erhaltung unserer natürlicher Grundlagen bemüht, muß die statische, konservierende, restaurative Position verlassen. Die Natur befindet sich in einem ständigen Umbruch, einer Dynamik, die genutzt werden muß, um Verbesserungen zu erreichen. Alles fließt – Natur ist Evolution.

 

Die Erhaltung einer intakten Umwelt ist eine der vordringlichsten Aufgaben. Der italienische Schriftsteller Guiseppe Tomasi di Lampedusa schreibt in seinem Roman „Der Leopard“: “Wenn alles bleiben soll wie es ist, dann muß sich alles ändern.“ Erhaltung durch Wandel; Gestaltung statt Konservierung; Ströme lenken, nicht zurückstauen; Möglichkeiten der Verbesserung entwickeln anstatt Schäden beklagen; Bejahung, kein Nihelismus.

 

Die Begrünung von Gebäuden trägt zu einer Verbesserung der ökologischen Situation bei, schafft Ausgleich, gestaltet und verbessert das Biotop Erde. Diese Idee muß weiter entwickelt werden. Ökologische Bewegung ist das Gebot der Stunde – nicht Erstarrung.
Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.

 

Fritz Hämmerle

 

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Pressetext der FBB zur "baufach 97"

 

Ökologie und Ökonomie

 

Fritz Hämmerle

 

Bei der Bauwerksbegrünung stimmen Ökologie und Ökonomie

 

Die intensive Bautätigkeit hat zur Folge, daß täglich mehr als 70 ha bisher freie Flächen versiegelt werden. Diese Entwicklung ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu beobachten und wird sich auch in absehbarer Zeit nicht abschwächen lassen. Der damit verbundene enorme Eingriff in die Natur und in die freie Land-schaft muß ausgeglichen werden. Das ist nicht nur aus ökologischen Gründen sinnvoll, sondern inzwischen auch gesetzlich vorgeschrieben. Das Bundesnatur-schutzgesetz legt das mit der Eingriffsregelung in §8a ff. eindeutig und bundesweit verbindlich fest.

 

Die Begrünung von Gebäuden ist eine hervorragende Möglichkeit einen ange-messenen Ausgleich für diese Eingriffe in die Landschaft herzustellen. Die wesentlichen Vorteile der Bauwerksbegrünung sind:

 

Dachbegrünungen haben die  Eigenschaft Regenwasser zurückzuhalten und damit die Entwässerungseinrichtungen zu entlasten. 17.000 m² extensive Dachbegrünung ersetzen ein herkömmliches Regenrückhaltebecken, das die Kommunen ca. 1 Million DM kostet. Daraus resultiert ein Nutzen durch die Dachbegrünung von ca. 44,00 DM/m². Schon mit diesem Betrag lassen sich die Kosten für den Bau einer extensiven Dachbegrünung annähernd ausgleichen.

 

Begrünte Dächer sparen, genauso wie Fassadenbegrünungen, die immer teurer werdende Energie.

 

Die Begrünungsschicht auf Dächern wirkt wie eine Schutzlage und verlängert die Lebensdauer eines Flachdaches um mehr als die Hälfte.

 

Ein unbegrüntes Flachdach erhält ganz neue Funktionen, wenn eine Begrünung aufgebracht wird. Es wird zu einem  Nutzdach. Freiräume, die         durch die Bebauung zerstört wurden, entstehen auf dem Dach wieder neu.

 

Wenigstens teilweise wird bedrohten Pflanzen und Tieren mit Dachbegrünungen ein neuer Lebensraum geschaffen.

 

Für die Bewohner der Gebäude  wird eine Verbesserung ihrer Lebensqualität erreicht: Bessere Luft, weniger Staubaufwirbelung und Hitzeabstrahlung, verbesserter Schallschutz, Festlegung von Schadstoffen und Verschönerung des Umfeldes. In der Architektur nennt man letzteres auch die ästhetische Funktion der Dachbegrünung.

 

 

Wenn alle Flachdächer und wenigstens ein Teil der Steildächer begrünt wären, dann könnte davon auch ein positiver Effekt auf das Großklima ausgehen. Mit den Begriffen Klimaveränderung und Ozonloch sollen nur zwei Stichworte genannt werden.

 

Allerdings werden in Deutschland z.Zt. nur ca. 10%  - 8 bis 9 Millionen m² -  aller neugebauten und sanierten Flachdächer begrünt. Das ist enttäuschend oder positiv formuliert, hier liegen noch enorme Entwicklungspotentiale in ökologischer und ökonomischer Hinsicht.

 

Neben den unbestritten positiven Umweltwirkungen von begrünten Gebäuden, sind die wirtschaftlichen Chancen nicht zu verachten. Allein 120.000 Arbeitsplätze könnten geschaffen werden, wenn die Begrünung und gärtnerische Pflege von Flachdächern zu einem Standard würde.

Umweltschutz ist kein Wirtschaftshemmnis. Im Gegenteil haben sich durch die strengen Umweltauflagen in Deutschland ganz neue wirtschaftliche Möglichkeiten ergeben. 1 Million Bundesbürger haben inzwischen einen Arbeitsplatz im Umweltbereich gefunden und Deutschland ist damit unangefochtener Weltmarktführer in der Umwelttechnik geworden.

Es ist nachgewiesen, daß der in Geld anfallende Nutzen von Dachbegrünungen höher ist als seine Kosten. Ökologie und Ökonomie bilden eine synergetische Einheit. Sie sind keine Gegensätze.

 

Die Fachvereinigung Bauwerksbegrünung hat sich zum Ziel gesetzt, die Begrünung von Bauwerken zu fördern. Das kann auf unterschiedlichen Wegen erfolgen. Vor allem im Baurecht, das in der Zuständigkeit der Kommunen liegt, muß die Begrünung von Gebäuden verankert werden. Hier ist die Politik und sind die Verbände gefordert. Der begrünungswillige Bauherr muß außerdem mindestens einen Teil seiner Aufwendungen, die der Allgemeinheit nutzen, wieder zurückerhalten. Hier muß das positive Verursacherprinzip greifen.Aber auch die Unternehmen, die sich mit diesem interessanten Thema befassen, müssen die Voraussetzungen weiterentwickeln, daß Gebäude technisch sicher und kostengünstig begrünt werden können.

 

Das Zusammenwirken dieser Maßnahmen bringt uns dem Ziel näher die Begrünung von Bauwerken zu einem Standardgewerk werden zu lassen. Gleichermaßen ökologischer und ökonomischer Nutzen wird daraus erwachsen.