Text zu DACH+GRÜN 4/2000

Meinungen

Grüne Avantgarde

Friedensreich Hundertwasser, inzwischen verstorbener Universalkünstler und Ökophilosoph
mit Weltformat, schrieb im April des vergangenen Jahres einen bemerkenswerten Brief zum
Symposium "DIE WELT ALS GARTEN", das im Rahmen der Expo 2000 veranstaltet wurde.
DACH+GRÜN veröffentlicht nebenstehend Auszüge aus dieser Abhandlung. Zentrales The-
ma des fünfseitigen Schreibens aus dem fernen Neuseeland, ist der frevelhafte Umgang der
Menschen mit der Natur und wie die Folgen dieses Raubbaus ausgeglichen werden können
und müssen. Für uns als Dachbegrüner ist die zentrale Aussage auf der zweiten Seite des Ex-
poses zu finden:

        ..... Nach dem Leitsatz:
       "Alles was waagrecht ist unter dem Himmel, gehört der Natur",
        sind alle Dächer konsequent zu begrünen ....

Schon lange galt Hundertwasser als der weltweit herausragendste und effizienteste Förderer
der Bauwerksbegrünung. DACH+GRÜN hat bereits in der Ausgabe vom März 1994 in einem
Beitrag von Gerold Schaeberle - "Hundertwasser: Mehr Natur in die Architektur" - an einem
konkreten Beispiel dargestellt, dass Hundertwasser eine segensreiche Symbiose gelingt, wenn
er in den von ihm entworfenen Gebäuden Architektur und Natur zusammenführt. Seine unver-
kennbare gestalterische Handschrift war stark geprägt von der unkonventionellen Einbindung
von Pflanzen mit gärtnerisch oft mehr als gewagter Pflanzenauswahl - in das künstlerische
Gesamtwerk.

In seinem oben genannten Schreiben an die EXPO, sind zwei Punkte von großer richtungs-
weisender Bedeutung. Zum einen kollabierte seine harsche Anklage gegenüber unserem
unverantwortlichen Umgang mit der Natur nicht in restaurativem Nihilismus, sondern mün-
dete ein in konkrete Vorschläge zur Kompensation unvermeidlicher Eingriffe in die Natur.
Hundertwasser gehörte nicht zu dem destruktiven Heer der mit hoher Infektionsgefahr behaf-
teten Bedenkenträger. Was ihn von dieser unseligen Spezies angenehm unterscheidet ist, dass
er nicht nur redete, sondern seine konstruktiven Ideen mit unglaublicher Konsequenz und oh-
ne sich um kleinformatige Vorhaltungen zu kümmern, konkret umsetzte. Lähmende Zukunfts-
angst war ihm immer fremd. Ganz im Gegenteil löste seine große Besorgnis über die weitere
Entwicklung bei ihm große Gestaltungsaktivitäten aus.

Zweitens popularisierte er sein ökologisches Anliegen in einmaliger Art und Weise. Er provo-
zierte und sensibilisierte bis hin zur Gefälligkeitskunst und zur Pop-Architektur. Er nötigte
dafür den Pflanzen unkonventionelle halsbrecherische Standorte auf. Es erstaunt immer wie-
der, dass Bäume, Sträucher und Stauden seine abnormalen Ideen aushalten. Offensichtlich nur
deshalb, weil auch die Botanik der guten Sache dienen wollte und will. Seine in vielen Län-
dern erstellten "grünen" Bauwerke sind zu Wallfahrtsorten geworden. Nicht nur für Kunst-
liebhaber, Architekten und Ökologen, sondern vor allem für den von Fachwissen unbelasteten
und unverdorbenen Endverbraucher. Die Hundertwasser-Bauwerke animieren zu künstle-
risch- architektonischem Ökotourismus mit hohem Spaßeffekt. Es gelang Hundertwasser eine
geniale Mischung aus konkretem Umweltschutz und origineller Kunst, mit überwältigender
Breitenwirkung zu entwickeln. Dabei nimmt die Gebäudebegrünung einen zentralen Platz mit
ausgeprägtem und jedem unbefangenen Betrachter leicht zugänglichem "Aha-Effekt" ein. Ein
klassischer Fall von "Kultmarketing". (Siehe Kasten)
Die Sprache der Architektur und der Kunst von Friedensreich Hundertwasser - pointiert durch
die Bauwerksbegrünung - leistete einen größeren Beitrag zur Förderung von Dach- und Fassa-
dengrün, als alle anderen bisherigen Bemühungen zusammen genommen. Friedensreich
Hundertwasser hatte erkannt und umgesetzt, dass persönliche Überzeugungen nur durch kon-
kretes Handeln effizient weitergetragen werden können. Nur so kann die Ökologie Zugang in
die gesamtwirtschaftlichen Abläufe finden und damit die Erhaltung unserer natürlichen Le-
bensgrundlagen sicherstellen.

Nur nach vorne gerichtetes, konstruktives ökologisches Denken, unkonventionell und mit ho-
her populärer Breitenwirkung umgesetzt, führt zu naturverträglichen und damit menschen-
freundlichen Lösungen. Unsere weitere gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist davon essen-
tiell abhängig. Diese Botschaft geht vom Gesamtwerk des Friedensreich Hundertwasser aus
und wird in seinem Brief an die EXPO manifestiert. Er ist über seinen Tod hinaus der exem-
plarische Protagonist einer avantgardistischen "grünen" Bewegung geworden.

 

Fritz Hämmerle

___________________________________________________________________________

 

"Werbestrategen sprechen schon lange von "Kultmarketing" und meinen damit, dass eine
magische Aura die Produkte umgibt beziehungsweise um sie herum errichtet werden soll. Für
Kaufentscheidungen ist immer weniger ein bestimmter Produktnutzen von Bedeutung. Statt-
dessen orientiert sich der Konsument bewusst oder unbewusst immer stärker an einem be-
stimmten Lebensgefühl, das durch einzelne Waren vermeintlich verkörpert wird."

Heiner Barz, am 20. August 2000 in SWR 2; "Glaubensfragen"

___________________________________________________________________________



               DIE WELT ALS GARTEN       -Auszüge-
     
Zum Symposium im Rahmen der Expo 2000
8. 10. Juni 2000
Hannover Congress Centrum

ZU LANGE HABEN WIR UNS DIE ERDE UNTERTAN GEMACHT MIT DEN
KATASTROPHALEN AUSWIRKUNGEN, DIE WIR ALLE KENNEN ..........
.......... WIR ERSTICKEN IN UNSEREN STÄDTEN AN LUFTVERPESTUNG
UND SAUERSTOFFMANGEL, DIE VEGETATION, DIE UNS LEBEN UND
ATMEN LÄSST, WIRD SYSTEMATISCH VERNICHTET. ES IST UNSERE
PFLICHT, DER VEGETATION MIT ALLEN MITTELN ZU IHREM RECHT
ZU VERHELFEN. ..........

.......... NACH DEM LEITSATZ:

          "ALLES WAS WAAGRECHT IST UNTER DEM HIMMEL, GEHÖRT
          DER NATUR"
          SIND ALLE DÄCHER KONSEQUENT ZU BEGRÜNEN UND ZU BE-
          WALDEN, DIE GESAMTEN DACHFLÄCHEN, SO DASS MAN VON DER
          VOGELPERSPEKTIVE DIE HÄUSER NUR ALS GRÜNE NATUR ER-
          KENNEN KANN.
          WENN MAN DIE DÄCHER BEGRÜNT, DANN BRAUCHT MAN KEINE
          ANGST HABEN VOR DER SOGENANNTEN ZERSIEDELUNG DER
          LANDSCHAFT:
          DANN WERDEN DIE HÄUSER SELBST ZU LANDSCHAFT WERDEN.

.......... DER MENSCH MUSS AUF DEN DÄCHERN DER NATUR DAS ZU-
RÜCKGEBEN, WAS ER IHR WIDERRECHTLICH UNTEN BEIM HAUS-
BAU WEGGENOMMEN HAT DIE ERDSCHICHT FÜR GRAS- UND
BAUMBEWUCHS. ....

........... DURCH DIE WALD- UND NATURBEDACHUNG DER HÄUSER
WIRD DER WOHN- UND LEBENSRAUM DER BEWOHNER FAST VER-
DOPPELT, WEIL DAS SONST STERILE UND TOTE DACH ZUR AUFENT-
HALTSWIESE, ZUM PRIVATWALD, ZUM URLAUBSHÜGEL, ZUM AUS-
SICHTSBEVEDERE, ZUM PARK UND GARTEN WIRD. ..........

DER MENSCH IST GAST DER NATUR UND SOLL SICH DEMENTSPRE-
CHEND BENEHMEN

 

HUNDERTWASSER
NEUSEELAND, IM APRIL 1999



Brief von Friedensreich Hundertwasser
Seite 1 Seite 2 Seite 3 Seite 4 Seite 5